In der Geschichte des Vereins ELMAR HERNE 22 spiegelt sich das Zeitgeschehen von nunmehr 90 Jahren und natürlich auch die Historie der Stadt Herne. Vieles war typisch für einen Sportverein im aufstrebenden Ruhrgebiet, einiges aber auch außergewöhnlich.

Roots

Keimzelle des Vereins war die männliche Jugendorganisation („Jungmännerbund“) der katholischen Herz-Jesu-Pfarrei an der Düngelstraße, im damals noch beschaulichen Herner Süden. Dort fanden sich 1911 eine Turnriege und auch eine Fußballmannschaft zusammen. Mit dem Fußball war es allerdings schnell wieder vorbei: „nicht gesellschaftsfähig“ lautete offenbar das Urteil des gestrengen Gemeinderates. Die Turner aber blieben bis in die Zeit des ersten Weltkrieges hinein aktiv.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Ruhrgebiet erschüttert von Streiks der Bergleute und blutigen Zusammenstössen der Streikenden mit Freicorps und Reichswehr. Kaum waren diese Auseinandersetzungen beendet, marschierte im Januar 1923 die französische Armee auch in Herne ein, um Reparationszahlungen zu sichern. In der kurzen, halbwegs ruhigen Phase zwischen diesen Ereignissen wurde der Verein gegründet.

Ein Verein wird gegründet

Bereits 1920 war wieder geturnt worden, sieben Kriegsüberlebende immerhin bildeten die erste Riege. Ein Jahr später zählte man bereits 38 Turner. Im Jahr 1922 geschah es: Um sich der sporttreibenden katholischen Jugendorganisation „Deutsche Jugendkraft“ anschließen zu können, wurde der Verein unter dem Namen „DJK Herne-Süd“ gegründet.

Zum ersten Vorsitzenden wurde Adam Klasen gewählt. Alle Namen der Gründungsmitglieder sind nicht überliefert. Gründungsmitglieder, die die Neugründung des Vereins nach dem zweiten Weltkrieg noch erlebten waren: August Berner, Johann Diermann, Theodor Kostedde, Josef Reitemeyer, Franz Ucka und Wilhelm Wallek. Der Mitgliedsbeitrag wurde auf 0,10 Reichsmark festgelegt.

Es wurde den Gründervätern aber nicht leicht gemacht. Die Besetzung des Ruhrgebiets und die katastrophale wirtschaftliche Lage mit einer galoppierenden Inflation sorgten dafür, dass man mehr um seine persönliche Existenz kämpfen musste, als um sportliche Erfolge. Ein Jahr nach der Vereinsgründung, im November 1923, sah sich der Vereinsvorstand gezwungen, den Mitgliedsbeitrag neu festzulegen. Er betrug nun 5 Milliarden Reichsmark.

Dennoch muss die Euphorie groß gewesen sein. Man nahm sich vor, gleich mehrere Sportarten auszuüben. Neben dem klassischen Turnen kamen Leichtathletik, Faustball und Schlagball ins Programm. Vom Handball war anfangs noch keine Rede.

Die Goldenen Zwanziger

Im Juli 1925 zogen die Franzosen wieder aus Herne ab, die Wirtschaft stabilisierte sich und auch im Ruhrgebiet brachen die „Goldenen Zwanziger“ an. Und auch mit der DJK Herne-Süd ging es aufwärts.

Die größte Beliebtheit der späteren Elmaraner fand zunächst die Sportart Schlagball, die europäische Urform des us-amerikanischen Baseball. Mehrere Mannschaften wurden aufgestellt und die erste Schlagballmannschaft stieg 1926 in die damals höchste Spielklasse, die „Gauklasse“, auf. Aber auch im Faustball, dem Volleyball ähnlich, stellte man mehrere Mannschaften auf und bewies, laut Vereinschronik, „dass mit der DJK Herne-Süd immer gerechnet werden muss“.

Die Turner und Leichtathleten vertraten die Vereinsfarben auf vielen Sportfesten und sammelten dabei „Siegerkränze“ und „Diplome“. Auch die Gemeindefeste der Herz-Jesu-Pfarrei boten den Turner Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Zur gleichen Zeit begann man, die Jugend an den Sport heranzuführen. Die „Jugend- und Schülerarbeit“ begann. Faustballer und Schlagballer bildeten Nachwuchsmannschaften aus.

Die Handballer kommen

Die Boom-Sportart der 1920er Jahre trat mittlerweile ihren Siegeszug auch im Revier an. Und auch in Herne-Süd griff man 1927 zum ersten Mal mit der Hand zum Ball: Fünf Jahre nach der Vereinsgründung beschloss man, „auch im Handball im Sportbetrieb einzugreifen“. Gleich zwei Mannschaften wurden aufgestellt, die erstmals in der Saison 1927/28 ins Rennen geschickt wurden. Die erste Mannschaft belegte immerhin auf Anhieb den zweiten Tabellenplatz in ihrer Gruppe.

Dennoch war Schlagball mit drei Mannschaften und die Leichtathletik noch von größerer Bedeutung. Auch die neugegründete Jugendabteilung war auf Anhieb erfolgreich. Beim überregional beachteten Staffellauf „Rund um den Bochumer Stadtpark“ gewann man gleich zweimal.

Katholiken und der Sport

Für die ersten Elmaraner, die „DJKler“, war es selbstverständlich, dass man nicht allein Sportler, sondern vor allem Katholik war. Einem Vereinsbeitritt musste immer auch der Pfarrer der Herz-Jesu-Pfarrei zustimmen. Genauso selbstverständlich war es, nur in der katholischen Liga des DJK-Verbandes ausschließlich gegen andere katholische Vereine anzutreten.

Das war so durchaus üblich, auch andere gesellschaftliche Gruppen traten als Veranstalter von Sportwettkämpfen in Erscheinung. So gab es die „Eichenkreuz Meisterschaften“ der evangelischen CVJM-Vereine genauso wie die „Arbeiter Olympiaden“, die von SPD und KPD unterstützt wurden. Zudem gab es für die noch junge Sportart Handball noch keine eindeutige, deutschlandweite Zuständigkeit eines Fachverbandes. Es stritten sich Turner und Leichtathleten lange darum, wer denn nun die Handballer unter seine Obhut nehmen darf.

Zudem herrschte an katholischen Gegnern kein Mangel. Nahezu jede größere katholische Kirchengemeinde in Herne stellt eine DJK-Jugendorganisation auf, in der oft auch Handball gespielt wurde. Die ersten Meisterschaftsspiele wurden gegen DJK Falkenhorst, DJK Arminia Welper oder DJK Arminia Eickel ausgetragen. 1928 wurde für Herne sogar ein eigener DJK-Verband gegründet, um die vielfältigen Aktivitäten zu koordinieren.

Die Festlegung, ausschließlich an katholischen Meisterschaften innerhalb des DJK-Verbandes teilzunehmen, hatte bis in die 1950er Jahre Bestand. Die Konkurrenz zwischen den DJK- und den WHV-Meisterschaften war lange Zeit eine ungleiche. Etwas verächtlich schickte man zu den Meisterschaften des Westdeutschen Handball-Verbandes nur die zweite Mannschaft. Während z.B. die erste Mannschaft 1952 noch überregional im DJK-Hauptverband Altenberg auf Punktejagd ging, wurde die zweite Mannschaft auf Anhieb WHV-Kreismeister im Handballkreis Herne/Wanne-Eickel/Castrop-Rauxel.

Die Stadtmeisterschaften

Für die frühen Handballpioniere gab es so aber ein Problem: Mit den nicht katholischen Sportvereinen in Herne waren die beliebten Lokalderbys nur in Freundschaftsspielen möglich. Gegen die damals dominierenden Handballer von „Polizei Herne“ aber auch gegen „Westfalia Herne“ gab es keine Meisterschaftsspiele.

Die Lösung dieses kleinen Problems war schnell gefunden. 1928 trat man dem Herner Zweckverband bei, dem Vorläufer des Stadtsportbundes, und fortan gab es die Lokalderbys regelmäßig: bei den Herner Stadtmeisterschaften im Handball. In Freundschaftsspielen war die Herner Konkurrenz schon geschlagen worden, die Westfalia Herne mit 4:1 und die „weit über Hernes Grenzen hinaus bekannte Mannschaft“ der Polizei Herne mit 3:2.

Herne wird größer – wir auch

Im Jahr 1928 erhöhte sich die Herner Einwohnerzahl um ein Drittel: Die Gemeinden Sodingen, Börnig und Holthausen wurden eingemeindet. Im gleichen Jahr fuhr erstmals die Straßenbahn von Recklinghausen über Herne durchgehend nach Bochum. Und auch im Herner Süden tat sich Bedeutungsvolles: Das Sommerbad an der Bergstraße wurde eröffnet und 6.000 Besucher bestaunten das damals deutschlandweit vorbildliche Schwimmbad.

Gesellschaftliches Leben

Von Beginn an war der Sportbetrieb nur ein Teil des Vereinslebens bei Elmar Herne. Die frühen Elmaraner pflegten derart vielfältige Aktivitäten, dass man nicht von einem reinem Sportverein reden kann. Das ganze Jahr über wurden besinnliche Leseabende und Theateraufführungen veranstaltet. Aber auch Skattuniere, Karnevalsfeiern und „Werbeabende“, an denen es gerne auch hoch herging, gehörten zum Programm. Besonders aber das Theaterspiel hatte es den Elmaranern angetan. Und so entstand auch der endgültige Vereinsname.

Der Vereinsname

Im Jahre 1932 wurde mit großem Erfolg das Theaterstück „Elmar“ auf die Bühne gebracht. Es handelt sich dabei um die Bühnenfassung des Epos „Dreizehnlinden“ des westfälischen Heimatdichters Friedrich Wilhelm Weber. Der Held des Stückes, „Elmar“, ist dabei ein germanischer – also heidnischer – Prinz, der im christlichen Kloster „Dreinzehnlinden“ sein Seelenheil findet. Das Stück war bei katholischen Gesellenvereinen sehr beliebt und gehörte bis zum Verbot durch den NS-Staat zur Schullektüre der damaligen Zeit.

Die Begeisterung über die Aufführung war derart groß, dass schnell die Idee aufkam, gleich den ganzen Verein danach zu benennen: Aus DJK Herne-Süd wurde DJK Elmar Herne. So wollte man mit dem Vereinsnamen den kulturellen Geist des Vereins dokumentieren, aber auch, ganz pragmatisch, den zunehmenden Verwechselungen mit den Fußballern des BV Herne-Süd aus dem Weg gehen.

Das Verbot

In katholischen Kreisen der damaligen Zeit bestand für kurze Zeit die Hoffnung, der NS-Staat würde, motiviert durch das Konkordat zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich, die kirchlichen Organisationen unbehelligt lassen. Doch diese trügerische Hoffnung währte nicht lange. Spätestens als führende Funktionäre der reichsweiten DJK-Bewegung umgebracht wurden und konfessionellen Organisationen jeder öffentliche Auftritt verboten wurde, war klar, dass es mit der DJK Elmar Herne vorbei war. Der Verein wurde verboten, das Vereinsvermögen eingezogen. 1934 existierte Elmar Herne nicht mehr.

Franz Hengsbach war in den 1930er Jahren Vikar in der Pfarrei St. Marien in Herne-Baukau und versteckte dort die Herner DJK-Fahne. 1956 wurde er als erster Bischof des Ruhr-Bistums berühmt: Er trug im Bischofsring – anstatt eines Edelsteins – ein eingefasstes Stück Kohle.

Neugründung

1946 wurde der Verein neu gegründet. Nur wenige Elmaraner hatten den Krieg überlebt. Dennoch war der Wille enorm groß, an die unvergessene Tradition anzuknüpfen. Und so wurde auch eins der ersten Theaterstücke nach dem Krieg in Herne von Elmaranern auf die Bühne gebracht: „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal. Und auch der Sport nahm rasch seinen Betrieb wieder auf.

Die Anfänge müssen hart gewesen sein, aber offenbar auch voller Erlebnisse. Nach ersten Auswärtsspielen wurde über nächtliche Fahrten auf LKW-Ladeflächen berichtet, die beim herrschenden Ausgehverbot der Alliierten durchaus brisant waren. Ebenso der Bau des Sportplatzes an der Bergstraße, zusammen mit den Fußballern des BV Herne-Süd, war eine enorme Anstrengung.

Warum die Erinnerung?

Heute ist Elmar Herne längst ohne konfessionelle Bindung, Theaterabende finden nicht mehr statt. Heute tummeln wir uns nicht nur beim Training, beim Spiel oder bei Ausflügen sondern längst auch, ganz modern, auf unserer Homepage. Dennoch ist die Geschichte unseres Vereins ein Stück unserer Heimatgeschichte. Diese Geschichte zu erzählen ist aber auch eine Verneigung vor allen, ohne die wir heute keine Elmaraner wären.

Unvergessen bleibt ein ganz zufälliges Erlebnis. Beim Familienfest eines Handballers bekam der alte Onkel beim Stichwort „Elmar“ glänzende Augen: ein Veteran, wer hätte es gedacht! Und sogleich sprudelten die Erinnerungen: So war zu erfahren, wie die ersten Elmar-Trikots nach dem Krieg aussahen. Nicht ganz christlich hatte man T-Shirts der amerikanischen Armee „organisiert“ und von olivgrün in blau umgefärbt. Leider hielt die Farbe nicht lange Stand und so schimmerte bald auf dem Rücken der verräterische Schriftzug „US-ARMY“ durch. Und dann blickte man nervös auf die neugierigen GIs am Spielfeldrand, die das, für sie sehr exotische sportliche Treiben beobachteten – mit einem Augenzwinkern!

– wird fortgesetzt –